Denktag – am System, nicht im System

Denktag – am System, nicht im System

Ununterbrochen unterbrochen – zugegeben, dieser Ausdruck ist geklaut, aber er trifft es einfach. Gerade mal elf Minuten arbeiten wir im Schnitt durchgehend an einer Aufgabe, bevor irgendetwas uns “nur mal kurz” ablenkt. Und dann brauchen wir mehr als doppelt so lange, um uns wieder hinein zu fitzen. Ungeplante Mails, Telefonate und SMS zerbröseln unsere Tage zu feinem Sand. Sand der sich in jede Pore setzt, zu Treibsand wird… Einer der größten Wünsche deutscher Arbeitnehmer ist “ein Ort, an dem man sich mal 3 Stunden ungestört konzentrieren kann“.

Ich habe mir daher “Denktage” verordnet.

Den Vorsatz eines regelmäßigen Denktages fasste ich in der Weihnachtszeit 2013. Ein Termin jagte den nächsten, wir hatten im Büro so viel zu tun, dass regelmäßig die Advents-Wochenenden dran glauben mussten – wider besseren Wissens über Work-Life-Balance; kurz, es war zu viel. Der Kopf war voll, die Arbeit verfolgte mich in den Abend, ich benutzte unzählige Zettel, um sicher nichts zu vergessen. Ich brauchte den Luxus eines Atemholens.

Und dann kam ein Dienstag – mein erster echter Denktag 2014.

Keine Termine, kein Telefon, keine Uhr, der Tag startet mit einem langen Spaziergang um den nahegelegenen See. Bei einer großen Tasse Kaffee ließ ich die Zeit stehen. Und denke darüber nach: Was ist Stress, was ist Muße?

Es gibt dichte Tage, die extrem kreativ sind. Darauf folgen Tage, an denen man abends geschafft und ausgelaugt ist. Die Arbeitszeit, das zu Bewältigende, ist gleich, der Output wechselt. Positiver oder negativer Stress scheint also unabhängig vom realen Arbeitspensum zu sein, sondern eher davon, ob ich meinen Tag kontrolliere, oder der Tag mich.

Im letzten Jahr bin ich in den  Büchern „Wieviel ist genug“ von Robert und Edward Skidelsky und „Muße“ von Ulrich Schnabel über den Begriff der Muße gestolpert. Das Fazit: Die Selbstbestimmung des Handelns und die Freude daran unterscheidet, ob Tätigkeit Muße oder Fron ist – Selbstbestimmung oder Zwang. Ein weiteres wichtiges Merkmal scheint die Abwesenheit reiner Notwendigkeit, eine gewisse „Freiheit“. Skidelsky illustriert seine These mit einem Beispiel aus der Antike.

Die Bürger Athens hätten dank Ihrer Sklaven den Alltag mit schnödem Faulenzen verbringen können. Doch das war eher verpönt. Geachtet wurde, wer seine Zeit mit Denken, Diskutieren, Philosophieren verbrachte. In dieser Zeit der Muße wurden die Grundsteine unseres heutigen Lebens gelegt:  Demokratie, Rechtssprechung, Philosophie, Mathematik.

Kann ich das auch unter den heutigen Anforderungen? Ich kann es versuchen. Alle zwei Wochen gibt es jetzt meinen Denktag, den Tag, an dem ich Herr meiner Zeit bin, an dem ich Gedanken kommen lasse, sie ordne und bündle. Ohne dabei in den Terminplaner zu schielen. Ich bin gespannt, was dabei heraus kommt. Eines ist sicher: Ich werde am Abend eines Denktages auf einen unzerbröselten Tag zurückblicken.

01.03.2014 in

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